Stromabwärts in die Zukunft

Das repräsentative Fahrradparkhaus von Litomerice: transparenter Blickfang

Mitte September begann die diesjährige Mobilitätswoche in Litomerice. Ein gutes Zeichen an unser Partner innerhalb der Euroregion Elbe/Labe und ein freundschaftliches Interesse der Stadt Dresden, mit der 25.000 Einwohnerstadt in Erfahrungsaustausch zu treten.

So fuhr einen kleine Delegation aus Vertretern der Stadtverwaltung mit der Umweltbürgermeisterin und den beiden LINKEN–Stadträten Dr. Margot Gaitzsch und Andreas Naumann an einem hochsommerlichen Sonntag nach Litomerice, mit einem Zug, der beide Städte ohne umzusteigen in weniger als zwei Stunden für einen sehr günstigen Elbe/Labe-Tarif verbindet.

Ziel war die Erörterung der Veränderungen der Mobilität und der sich daraus ergebenden Aufgaben an die Kommunalpolitik und Verwaltung beider Städte.
Interessant für uns war (und ist), dass Litomerice als Kleinstadt mit den gleichen Infrastrukturproblemen konfrontiert ist wie die Großstadt Dresden. Das wurde durch die Präsentationsvorträge beider Stadtverwaltungen und der anschließenden politischen Diskussion deutlich. So steht Litimerice genauso vor dem Ausbau von Straßen, der Schaffung vieler neuer Parkplätze und der Einhaltung der EU-Grenzwerte bei Feinstaub, CO2 sowie NOX wie Dresden. Grund ist die starke Zunahme des PKW-Verkehrs. Auch hier schlägt der Anstieg des Wohlstandes in Infrastrukturprobleme um. Die Gastgeber berichteten, daß viele Familien jetzt zwei Autos besitzen und selbst kurze Wege, beispielsweise zur Kaufhalle oder zum Kindergarten, mit dem Auto fahren. Dazu muss man wissen, daß man in Litomerice fast alle Ortsteile in kurzer Zeit zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann. Die neoliberale Lebensart impliziert wahrscheinlich das Auto eben als Teil des Menschen. Daran ändert auch nichts, dass Litomerice neben vier weiteren tschechischen Städten begonnen hat, den öffentlichen Busverkehr kostenlos zu machen. Die erste Linie fährt bereits ohne Fahrschein, die anderen werden gerade umgestellt. Die Verwaltung berichtete uns, dass die Fußgänger und Fahrradfahrer nun mit dem Bus fahren, nicht aber die Autofahrer. Ähnliche Erfahrungen gibt es in Dresden.

Neben dem aufschlussreichen Erfahrungsaustausch hatten wir die Gelegenheit das erst kürzlich eröffnete Fahrradparkhaus neben dem Bahnhof zu besichtigen. Dort kann man für gerade mal 20 Cent (umgerechnet) sein Fahrrad mit samt seinen Sachen abstellen und bequem ins Stadtzentrum laufen. Das Rad wird vollautomatisch in das für Menschen nicht zugängliche Glashaus „geholt“ und maschinell in eine Box gefahren und von dort ebenso wieder abgeholt. Das gesamte Objekt hat umgerechnet 600.000 Euro gekostet und wurde u.a. von der EU gefördert. Für Dresden ist es von Interesse, weil auch wir seit einiger Zeit dazu im politischen Diskussionsprozess sind, ohne dass etwas passiert.

Zum Abschluss unseres Besuchs gingen wir auf die doch erstaunlich große Elbinsel in der Stadt und konnten erleben, mit welchem Ideenreichtum und Interesse die Mobilitätswoche in Litomerice bei der Bevölkerung angenommen wird, wobei der Schwerpunkt der vielen Stände und Aktionen in der früh- und kindlichen Verkehrserziehung zum Fahrrad und ÖPNV lag. Ein richtiger Ansatz nach unseren Vorstellungen zur Verkehrsentwicklung.

Ich möchte den Artikel nicht abschließen, ohne die Parkbank zu erwähnen, auf der man sich ausruhen und gleichzeitig sein Handy laden und über WLAN im Internet lesen kann. Sie wird rückseitig mit Solarzellen und einer Batterie für mehr als einen Tag mit Strom versorgt und steht in einem Park hinter der schönen Altstadt an der Elbe.

Auch wenn Litomerice im Verhältnis zu Dresden nur sehr klein ist, so hat sie doch allerhand zu bieten, wenn man sich die Mühe macht, den Ort zu erkunden, wie unsere Euroregion auf tschechischer Seite überhaupt. Viele Menschen sprechen deutsch, im Gegensatz zur deutschen Seite, die meist kein Wort tschechisch kann; und das Essen ist in Litomerice auch noch gut, wohl auch weil es nicht von Touristen überlaufen ist, wie Prag.

 

 

Stadtrat Andreas Naumann ist Mitglied im Ausschuss für Umwelt und Kommunalwirtschaft