Der Weltfrieden und sein Tag

Manchmal ist es gut, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Insbesondere muss man sich fragen, ob die Selbstverständlichkeiten, mit denen man selbst aufgewachsen ist, heute noch gültig sind.

Im Stadtvorstand sprachen wir über den Weltfriedenstag – alle, die in meinem Alter oder älter und DDR-sozialisiert sind, brauchten kein Datum erwähnen. Dass der Weltfriedenstag am 1. September ist, war bzw. ist genauso selbstverständlich wie der 1. Mai als der Tag der Arbeiterklasse, der 8. Mai als der Tag der Befreiung, der 7. Oktober als Tag der Republik und der 24. Dezember als Heiliger Abend.

Eine spontane kleine Straßenumfrage unter jungen Leuten in der Neustadt ergab freilich ein anderes Bild. „Weltfriedenstag – Nie gehört, aber es gibt ja heute alles Mögliche – auch einen Weltkatzentag.

Dass junge Leute mit dem 7. Oktober nichts mehr anfangen können, das leuchtet jedem sofort ein – die dazugehörige Republik ist seit fast 28 Jahren verschwunden.

Der 1. Mai hingegen hat als arbeitsfreier „Tag der Arbeit“ die akademischen Diskussionen über die Existenz einer Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten heil überstanden, es gibt ihn immer noch, wie es nach jüngsten Erkenntnissen wohl auch die Arbeiterklasse noch zu geben scheint.

Schwieriger war es mit dem 8. Mai. Einerseits gehörte er zu den nach 1990 verbannten Relikten der DDR-Geschichtspolitik, andererseits begann sich nach der berühmten Weizsäcker-Rede von 1985 auch in Westen Deutschlands langsam der Gedanke Bahn zu brechen, dass der Tag, an dem der von den Nazis angezettelte Krieg endete, kein Tag der Niederlage, sondern ein Tag der Befreiung gewesen sei, einer doppelten Befreiung, vom Faschismus und vom Krieg.

Doch wie ist das nun mit dem Weltfriedenstag am 1. September? In der DDR begann an diesem Tag immer das Schuljahr, insofern hatte der obligatorische Pionier- und FDJ-Appell in der Schule immer gleich eine doppelte Widmung. Natürlich interessierte man sich an diesem Tag mehr für neue Mitschülerinnen, den neuen Stunden- und den neuen Sitzplan, aber dem Frieden wurden immer einige passende Lieder gesungen, von der „kleinen weißen Friedenstaube“ in der 1. Klasse bis zu „We shall overcome“ in der Berufsschule.

Doch eigentlich war der 1. September kein Tag des Friedens, schon gar kein Tag des Weltfriedens – ganz im Gegenteil. Am 1. September 1939 begann 4:45 Uhr mit dem Beschuss der polnischen Garnison auf der Westerplatte vor der „Freien Stadt Danzig“ durch das deutsche Linienschiff „Schleswig-Holstein“ jener Weltkrieg, der am 8. Mai 1945 im zerstörten Berlin endete. Fast zeitgleich mit dem Angriff auf die Westerplatte bombardierten deutsche Flugzeuge ohne jede Kriegserklärung die polnische Stadt Wieluk, das erste große Kriegsverbrechen, dem viele weitere und noch viel grausamere folgen sollten. Die erste Kriegslüge folgte auf dem Fuß: „Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen“ verkündete Adolf Hitler im „Großdeutschen Rundfunk“.

Ausgerechnet diesen Tag bereits 1946 dem „Weltfrieden“ zu widmen, scheint geradezu verwegen. Aber es ist erklärbar aus den unmittelbaren Erfahrungen einer Generation, welche aus dem Zweiten Weltkrieg, unabhängig davon, auf welcher Seite sie gestanden hatte, eine Lehre zog: NIE WIEDER KRIEG!

In meiner Generation hört jeder von seinen Großeltern „Lieber ein Leben lang bei Wasser und Brot als noch einmal Krieg“. Es schien uns eine martialische und abgedroschene Phrase, schließlich war der Frieden selbstverständlich und der Krieg war lange her. Sicher es gab auch damals Kriege in der Welt, in Vietnam, im Nahen Osten und anderswo. Aber das war weit weg, kam nur in Zeitungsberichten und Fernsehnachrichten vor, an ein Internet war noch nicht zu denken.

Keinem Politiker, egal ob im Osten oder im Westen Deutschlands, wäre es auch nur im Traum eingefallen, einer irgendwie gearteten deutschen Kriegsbeteiligung das Wort zu reden, im Gegenteil: „Von deutschem Boden darf nie mehr ein Krieg ausgehen“ war der Minimalkonsens selbst in den gefährlichsten Phasen der Ost-West-Konfrontation. So waren die Nationale Volksarmee der DDR und die Bundeswehr der alten Bundesrepublik (West) die beiden einzigen deutschen Armeen, die nie in einen Krieg zogen.

Ein Menschenleben nach jenem 1. September 1939 ist nicht nur die symbolische Bedeutung des Tages in Vergessenheit geraten, sondern viel mehr. Die Bundeswehr befindet sich wieder in Kriegseinsätzen und der „Frieden im Osten“ ist längst nicht mehr deutsche Staatsräson. Stattdessen spricht ein deutscher Außenminister von „Mehr Härte gegenüber Moskau“, Russland taugt wieder als Feindbild und auch sonst fehlt es nicht an Kriegsrhetorik.

Vielleicht sollte man mit dem Erinnern an den 1. September 1939 nicht bis zum 80. Jahrestag im nächsten Jahr warten. Es könnte zu spät sein.

 

Jens Matthis ist Vorsitzender von DIE LINKE. Dresden