Wie lebt es sich in … Warschau?

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Foto: Jerzy / pixelio.de

Die polnische Hauptstadt ist mittlerweile zur verlängerten Telefonhotline westeuropäischer Unternehmen geworden. Arbeitsmigranten aus aller Welt spüren in Warschau die Folgen dieser Entwicklung.

von Mathias Hankel

Noch 1990 prägte der Kulturpalast die Silhouette von Warschau. Wer heute aus dem Hauptbahnhof Warszawa Centralna heraustritt, schaut auf eine ganze Reihe von Bürotürmen herauf, die in den letzten Jahren im Zentrum aus dem Boden gestampft wurden. Sie stehen architektonisch für die Dienstleistungsmetropole Warschau. Wenn im Winter Smogalarm ist, verschwinden ihre Spitzen in grauem Nebel. Mein italienischer Arbeitskollege Fortunato meinte einmal, die schlechte Luft sei nicht die einzige Gemeinsamkeit zu Outsourcing-Standorten in China. Er spielte auf die geringen Löhne an, die Warschau zur verlängerten Telefonzentrale für internationale Unternehmen haben werden lassen. IT-Support, Buchhaltung und Kundenbetreuung, das sind die wichtigsten Bereiche, die nach Warschau kommen. Ich selbst habe in zwei Outsourcing-Nischen gearbeitet.

Kündigungsfrist: Drei Tage

Drei Monate war ich für einen internationalen Sprachdienstleister tätig. Als Linguistic Tester bin ich durch Computerspiele gehetzt (vom Spielen konnte keine Rede sein, schließlich mussten wir aus Zeitgründen cheaten, also Abkürzungen nehmen.) und habe die deutsche Übersetzung überprüft und sprachliche Fehler gemeldet. Die Tätigkeit stellt im Warschauer Outsourcing-Dschungel wohl eine Ausnahmeerscheinung dar, denn hier war nicht günstige polnische Arbeitskraft gefragt, sondern günstige Arbeitskraft wurde aus dem Ausland nach Warschau importiert. Die Linguistic Tester kamen aus der ganzen Welt. Alle marktrelevanten europäischen und asiatischen Sprachen wurden abgedeckt, aber es gab auch Tester aus Brasilien, Mexiko, Chile, Bolivien und anderen lateinamerikanischen Ländern. Meine französischen und spanischen Kollegen testeten in Warschau Computerspiele, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit gefunden hatten (oder keine, die das vermeintlich Angenehme mit dem Nützlichen verbindet). Linguistic Tester aus weniger krisengeschüttelten und reicheren Ländern wie Finnland oder Dänemark kamen nach Warschau, weil sie eine Polin kennengelernt hatten, der es in Warschau gefällt. Die meisten von uns arbeiteten auf Honorarbasis (Arbeitsverträge wurden nur nach langen Wartezeiten geschlossen). Es gab kein Krankengeld, keinen bezahlten Urlaub, die Kündigungsfrist betrug drei Werktage, die Vergütung wurde erst im Folgemonat überwiesen etc. Derlei Verträge – das polnische Arbeitsrecht kennt noch weitaus prekärere – werden gemeinhin als Smieciówka (Müllverträge) bezeichnet. Am letzten Monatstag druckten alle ihre Bestellungen auf Arbeit aus und schrieben Rechnungen. Wie viel die anderen verdienten, war also ein offenes Geheimnis. Die Linguistic Tester wurden mit 27 Złoty pro Stunde (etwa 6,30 EUR) recht gut bezahlt. Die polnischen funktionellen Tester erhielten die Hälfte. Vor neun Jahren hatte es einen Aktivisten gegeben, der sich für Arbeiterrechte einsetzte und Artikel über die Situation bei seinem Arbeitgeber publizierte. Er wurde kurzerhand rausgeworfen. Einen Betriebsrat gibt es bis heute nicht.

Angst vor Arbeitskampf

Meinen ersten Arbeitsvertrag bekam ich dann bei einem internationalen Unternehmen aus dem Bereich e-commerce, in dem ich vierzehn Monate tätig war. In West- und Mitteleuropa wurden Angestellte entlassen und die Arbeitsbereiche wurden nach Casablanca und Warschau outgesourct. Ich arbeite im deutschen Team als Copywriter. Gemeinsam mit meinen Teamkollegen – vorwiegend Germanisten und Deutschlehrer – schrieben wir Werbetexte für lokale Dienstleistungen, Produkte und Reisen. Das Unternehmensklima war wärmer, das Büro mit bunten Farben gestaltet und in der Teeküche gab es unzählige Sorten an süßen Frühstücksflocken. Für klare optische Hierarchien sorgte das Podest, auf dem die Teamleiter und Manager saßen und ihre Mitarbeiter im Blick hatten. Doch das eigentlich Panoptikum war ins Computersystem integriert, denn jede Tätigkeit am Bildschirm wurde nachverfolgt, aufzeichnet und geteilt. Weiterhin gab es auf unserer Etage einen Kicker, eine Playstation und eine Tischtennisplatte, die den Charme eines Jugendclubs versprühten. Dass davon wenig Gebrauch gemacht wurde und die Arbeitszeit wertschöpfend genutzt wurden, dafür sorgten die Key Performance Indicator (KPI). Es gab ein monatliches Grundgehalt, das, wenn die Produktivitäts-, Qualitäts und Teamziele erfüllt wurden, um bis zu zwanzig Prozent aufgebessert werden konnte. Ein Scheitern war nicht vorgesehen. Wer die Ziele mehrmals in Folge nicht erfüllte, wurde auf den Approvement Plan gesetzt. Half auch das nicht, wurde die Kündigung ausgesprochen. Zwei Monate schrieb ich Werbetexte, dann überwachte ich die Qualitätsziele im deutschsprachigen Team. Stichprobenhaft überprüfte ich die Einhaltung der internen Vorgaben, suchte nach sprachlichen Fehlern und legte dem Management regelmäßig Statistiken und Trends zu den Qualitätsergebnissen unseres Teams vor, die deutlich zeigten, wer poor performer war, also deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb. Gemeinsam mit ein paar Kolleginnen erwägten wir die Gründung eines Betriebsrat. Es braucht zehn Mitarbeiter, die sich konspirativ versammeln, einen Vorstand wählen, den Betriebsrat bei einem Gericht registrieren und die Wartezeit von etwa zwei Wochen überbrücken. Wir entschieden uns schließlich dagegen. Einige hatten Kinder und wollten ihren Arbeitsplatz nicht riskieren; andere fürchteten, dass unsere Teamleiterin selbst gefeuert werden könnte, wenn ihr Team zur Brutstätte eines Betriebsrats würde.

Prekäre stärkten die Rechten

Die Unzufriedenheit vieler abhängig Beschäftigter mit ihrer prekären Situation war ein Grund für den Wahlerfolg der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Nach deren Regierungsantritt wurde der Mindestlohn auf 13 Złoty pro Stunde (etwa 3 EUR) erhöht und die Anwendung von prekären Müllverträgen eingeschränkt. Gleichzeitig wurde ein für polnische Verhältnisse großzügiges Kindergeldprogramm eingeführt und das Renteneintrittsalter für Frauen auf 60 Jahre gesenkt. Wenn die arbeiteten Mütter in der Outsourcing-Branche schon keinen öffentlichen Kitaplatz finden, dann kauft die verrentete aber dennoch rüstige Oma ein bisschen Spielzeug und übernimmt einfach die Kinderbetreuung. Ob sich in den nächsten Jahren etwas in der Outsourcing-Branche ändert, hängt wohl von einem Mentalitätswandel der Orks und Korporatten ab – so nennen sich die Beschäftigten ironisch und mit Humor beginnt die Selbstbehauptung. In der Zwischenzeit werden sicherlich schon Analysen über die Produktivität, Qualifikation und das Lohnniveau in Ländern wie Bulgarien, Rumänien und der Ukraine in Auftrag gegeben.