“Bitte gute Laune und ein Trinkglas mit bringen!”

Zentralbild Kohls hsch 9.3.67 Berlin: Walter Ulbricht empfing verdiente Frauen der DDR. Der Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, gab am 8.3.67 in Berlin anläßlich des 20. Gründungstages der DFD und des Internationalen Frauentages im Bankettsaal des Staatsratsgebäudes für 200 hervorragende Bürgerinnen einen festlichen Empfang. Unter ihnen befanden sich verdiente Frauen, die vom Ministerrat mit der Clara-Zetkin-Medaille ausgezeichnet worden waren. UBz: Auf dem festlichen Empfang sprach Maria Kempke (stehend), Genossenschaftsbäuerin in der LPG "Klara Zetkin" Banzkow (Bezirk Schwerin).

Zentralbild Kohls hsch 9.3.67 Berlin: Walter Ulbricht empfing verdiente Frauen der DDR. Der Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, gab am 8.3.67 in Berlin anläßlich des 20. Gründungstages der DFD und des Internationalen Frauentages im Bankettsaal des Staatsratsgebäudes für 200 hervorragende Bürgerinnen einen festlichen Empfang. Unter ihnen befanden sich verdiente Frauen, die vom Ministerrat mit der Clara-Zetkin-Medaille ausgezeichnet worden waren.
UBz: Auf dem festlichen Empfang sprach Maria Kempke (stehend), Genossenschaftsbäuerin in der LPG “Klara Zetkin” Banzkow (Bezirk Schwerin).

Von Uwe Schaarschmidt

So, liebe Genossinnen, stand es immer auf den Einladungspostkarten des DFD, welche meine Mutter monatlich zugestellt bekam.

An den DFD, den Demokratischen Frauenbund Deutschlands, werden sich sicherlich noch einige erinnern – und wer glaubt, es gäbe ihn nicht mehr, irrt. In den östlichen Bundesländern gibt es ihn als Demokratischen Frauenbund e.V. immer noch. Hier in Dresden, auf der Erna-Berger-Straße, nahe dem Bahnhof Neustadt betreibt er das Frauenzentrum “Guter Rat” und die Frauenkontaktstelle “Sozia”. Klingt sogar ein wenig wie Sozialismus. Weitere Projekte gibt es in Sachsen allerdings nur noch in Görlitz und Zschopau. So ganz scheint Frau das Kämpfen nicht verlernt zu haben – immerhin legte man sich wegen des Kürzels dfb mit dem Deutschen Fußballbund an. Und gewann 1:0.

Über Ilse Thiele, von 1953 bis 1989 Vorsitzende des DFD – wüsste ich hingegen nichts kämpferisches zu erzählen. Eigentlich gar nichts. Höchstens, dass meine Mutter sie immer “alte Eule” nannte, wenn sie im Fernsehapparat zu sehen war. Sie verkörperte mit ihrer einschläfernden Stimme und der stets ein wenig kummervollen Miene ziemlich genau das Image des Kuchenback- und Strickzirkels, das dem DFD – immerhin 1,5 Millionen Frauen waren da organisiert –  leider anhaftete, so lange ich denken kann und war den jungen Frauen meiner Generation zwar nicht verhasst – aber auch herzlich egal. Ich wüsste in den 1980er Jahren nicht eine einzige junge Frau im Familien-, Bekannten,- Freundes-, und Kollegenkreis, die Mitglied des DFD war. Alleine für die Frage danach hätte ich Gelächter geerntet.

Dies lag allerdings nur zum Teil am verstaubten Image des DFD. Vielmehr waren die Frauen über die ökonomischen Zwänge der Planwirtschaft längst in einem Ausmaß emanzipiert, von dem viele Frauen überall in der Welt auch heute noch nur träumen können.

Es gab in den nach dem Krieg geborenen Generationen faktisch keine Frauen ohne Berufsausbildung oder abgeschlossenes Studium. Dafür bei den Frauen geworben zu haben, bleibt aber wohl immerhin das Verdienst des DFD. Frauen prägten das Bild in den Industriebetrieben der DDR ebenso, wie in den Hochschulen, im Gesundheitswesen, in der Volksbildung oder der Landwirtschaft. Dass dies mit dem tradierten Frauenbild zunächst kollidierte und Frauen mit Familie und Beruf oft einer Doppelbelastung ausgesetzt waren, lässt sich kaum bestreiten. Aber auch hier wirkten die Bedingungen der DDR-Wirtschaft unaufhörlich. Eine Frau, die ihren faulen oder brutalen Gemahl satt hatte, konnte sich spätestens in den 1970er Jahren von ihm trennen, ohne dabei ihre Existenz oder die ihrer Kinder zu gefährden. Die umfassende Kinderbetreuung und das DDR-Arbeitsgesetzbuch machte es möglich. Für die Männer hatte das übrigens einen enormen erzieherischen Wert.

Nun – heute sind wir hier, weil gestern der Internationale Frauentag war. Ich hatte es noch gar nicht erwähnt. Und ich rede hier, weil der Vorsitzende unseres Stadtverbandes, Jens Matthis, sich im Landtag u.a. gerade um die sozialen Belange der Frauen in der Gegenwart kümmern muss. Und weil unsere Parteivorsitzende, die auch gern hier gewesen wäre, sich um unsere liebe Partei kümmern muss. Schöne Arbeitsteilung, finde ich. Denn in der Politik – und das war die Ausnahme in der DDR – hatten Frauen nicht viel zu bestellen. Das ist heute anders und es ist wiederum schon ein Paradoxon, dass  trotz gestiegener Präsenz von Frauen in der Politik heute viele Frauen weit hinter die emanzipatorischen Standards der DDR zurückgefallen sind. Alleinerziehend zu sein, ist z.B. das größte Armutsrisiko in unserem Land und ich vermute, auch eine Frauenquote in den Aufsichtsräten der großen Konzerne wird daran nichts ändern. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Ausbeutung nur deshalb besser zu ertragen wäre, weil die Ausbeutung durch eine Frau erfolgt.

Dass ihr, liebe Genossinnen heute hier seid, hat damit zu tun, dass ihr gegen jede Ausbeutung seid und mit Eurer Mitgliedschaft in unserer Partei – ob nun durch tätige Mitarbeit, oder, Eurer Zeit oder Gesundheit geschuldet, mit ganzem Herzen zu unserer Sache steht. Für beides möchte ich mich – wenn ihr erlaubt – ebenfalls von ganzem Herzen bedanken.

“Bitte gute Laune und ein Trinkglas mitbringen!” Nun – zwar immer mit Trinkglas, aber selten mit guter Laune habe ich meine Mutter immer zu den DFD-Versammlungen gehen sehen. Und stets geschah das gleiche Wunder: Manchmal ohne Trinkglas, aber immer mit guter Laune kam sie zurück, nicht ohne kichernd über die alte Eule zu schimpfen und dem Vater anzügliche Witze zu erzählen. Irgendwas muss doch drangewesen sein, am DFD.

Trinkgläser musstet ihr heute nicht mitbringen, die haben wir vor Ort und wir haben die Wirtsleute gebeten, auch etwas hineinzufüllen, sicherheitshalber, der guten Laune wegen, die ihr aber hoffentlich auch ohne Postkartenermahnung mitgebracht habt.

Und so möchte ich mit Euch trinken

– auf die Frauen, ohne die wir heute alle nicht da wären

– auf die Männer, die man daran immer wieder mal erinnern muss

– auf die Kinder und die Enkel, die es mal besser ausfechten sollen

– und – natürlich, in diesen seltsamen Zeiten – auf den Frieden,

auf den, den wir haben

und auf den, der allen gequälten Menschen dieser Welt endlich beschieden sein soll!

 

Prost!

 

Schaarschmidt

 

 

Stadtrat Uwe Schaarschmidt ist Mitglied in der Fraktion DIE LINKE im Dresdner Stadtrat

 

 

 

Fotonachweis Titelfoto: Bundesarchiv, Bild 183 – F0309-0201-008, Ulrich Kohls (9. März 1967)